Ciné Vélo Cité ist ein mobiles Fahrradkino und Filmlabor für den urbanen Raum, entwickelt im Rahmen des EU-Projekts Creating NEBourhoods Together in Zusammenarbeit mit der Hochschule München (Prof. Andrea Benze), den Münchner Kammerspielen und dem Kulturreferat der Stadt München, konzipiert und aufgebaut unter Leitung des Filmemachers Patrik Thomas.
Geschichte
CINÉ VÉLO CITÉ ist ein mobiles Fahrradkino und Filmlabor für den öffentlichen Raum. Entstanden aus der Praxis kollektiver Filmproduktion, versteht sich CVC als leichte Infrastruktur für Vorführungen, Gespräche und gemeinsames Arbeiten jenseits institutioneller Kinos. Seit 2023 wird das Projekt kontinuierlich im Stadtraum erprobt und weiterentwickelt.
Entstehungskontext
CVC entstand im Rahmen des EU-Projekts Creating NEBourhoods Together mit einem zweijährigen Schwerpunkt in München-Neuperlach. Ausgangspunkt war die Frage, wie Film, Bildung und Öffentlichkeit unter Bedingungen von Verdichtung, Vereinzelung und sozialer Fragmentierung neu organisiert werden können. Das Fahrradkino ist Antwort auf fehlende niedrigschwellige Kulturorte und auf den Wunsch nach temporären, wiederholbaren Begegnungsformaten.
In dieser Phase wurde das Fahrradkino als mobile Infrastruktur entwickelt, erprobt und im Stadtraum eingesetzt. Die Aufbauphase wurde durch kommunale und städtebauliche Fördermittel unterstützt. Heute arbeitet CINÉ VÉLO CITÉ projektbasiert und unabhängig. Einzelne Workshops, Screenings und Kooperationen werden je nach Kontext durch öffentliche Kulturförderung, Bildungsprogramme oder Projektmittel ermöglicht. Der Fokus liegt nicht auf dauerhafter Institutionalisierung, sondern auf flexibler Einbettung in unterschiedliche urbane, kulturelle und pädagogische Zusammenhänge.
Aufbau & Konstruktion
Die technische Basis von CINÉ VÉLO CITÉ ist ein eigens entwickeltes, modular aufgebautes Lastenrad. Es handelt sich um einen Prototyp, der über einen Zeitraum von zwei Jahren kontinuierlich entwickelt, getestet und angepasst wurde. Ausgangspunkt war nicht ein fertiges Produkt, sondern ein offener Entwurfsprozess, orientiert an realen Einsätzen im Stadtrau
Das Fahrradkino ist als mobile Infrastruktur konzipiert, nicht als einzelnes Gerät. Alle Komponenten sind steckbar, austauschbar und erweiterbar. Der Aufbau erlaubt schnelle Umrüstungen zwischen unterschiedlichen Nutzungen, etwa Filmvorführungen, Workshops, Gesprächssituationen oder Rechercheformaten. Technik folgt dem jeweiligen Kontext, nicht umgekehrt.
Im voll beladenen Zustand transportiert das Lastenrad bis zu 300 kg. An Bord befindet sich alles, was für ein autarkes Open-Air-Kino benötigt wird: ein leistungsfähiger Projektor, ein mobiler Akkublock, Tonanlage, bis zu 30 Sitzsäcke, Decken sowie eine kleine Minibar mit Snacks und Getränken. Der Betrieb erfolgt emissionsfrei und unabhängig von externer Stromversorgung. Es werden keine festen Anschlüsse, Genehmigungsbauten oder zusätzliche Fahrzeuge benötigt.
Die Konstruktion ist bewusst offen und sichtbar gehalten. Kabel, Module und Bauteile sind nicht versteckt, sondern Teil der Erscheinung. Das Fahrradkino zeigt, wie es funktioniert. Technik wird nicht als Black Box präsentiert, sondern als nachvollziehbares Werkzeug. Diese Transparenz ist Teil des pädagogischen Konzepts: Sie lädt zur Auseinandersetzung ein, senkt Hemmschwellen und macht Aneignung möglich.
CINÉ VÉLO CITÉ versteht die Konstruktion nicht als abgeschlossenen Zustand, sondern als lernendes System. Anpassungen, Reparaturen und Erweiterungen sind integraler Bestandteil des Projekts. Das Fahrradkino ist damit zugleich Transportmittel, Kino, Werkstatt und Anschauungsobjekt für eine andere Form von kultureller Infrastruktur.

Referenzen und Vorbilder
CINÉ VÉLO CITÉ basiert auf langjähriger Praxis kollektiven Filmemachens. Ein zentraler Bezugspunkt ist MOVIMENTO, ein seit 2013 bestehendes reisendes Filmfestival und Residency-Format in Portugal. Über mehrere Wochen arbeiten dort 30 bis 50 Menschen gemeinsam an Filmen, von der Idee bis zur öffentlichen Präsentation. Rollen sind nicht fixiert, Lernen, Produzieren und Zeigen greifen ineinander. Aus dieser Praxis entwickelten sich konkrete pädagogische Methodiken, die auf gemeinsames Tun, geteilte Verantwortung und Reflexion setzen.
Parallel dazu entstand eine vertiefte Auseinandersetzung mit cineclubistischen Praktiken. Historisch verstanden Cineclubs Kino nicht als Institution, sondern als Handlung. Filme wurden gemeinsam gesehen, diskutiert und weitergegeben. Oft mobil, oft improvisiert, immer orts- und kontextabhängig. Kino war Anlass für Austausch, kollektives Lernen und politische Selbstvergewisserung.
Diese Praxis gewann besondere Bedeutung unter repressiven Bedingungen. In Brasilien während der Militärdiktatur und in Portugal unter der Salazar-Diktatur waren öffentliche Räume kontrolliert und institutionelle Orte eingeschränkt. Cineclubs und Wanderkinos wichen aus, nutzten Gemeindehäuser, Plätze und Hinterhöfe. Vorführungen waren nie Selbstzweck, sondern Auslöser für Gespräch, politische Bildung und gemeinsames Handeln. Kino wurde zu einem Mittel, Öffentlichkeit überhaupt erst herzustellen. Diese Arbeitsweise wirkt bis heute fort, besonders in Brasilien, wo cineclubistische Netzwerke weiterhin soziale Bindung und kritische Öffentlichkeit erzeugen.
Aus dieser historischen und theoretischen Auseinandersetzung entstand das Filmprojekt BOALÂNDIA. Über vier Jahre hinweg wurden cineclubistische Initiativen in Brasilien recherchiert und filmisch begleitet. BOALÂNDIA versteht Kino als soziale Praxis: Vorführungen als Versammlungen, Filme als Impulse für Gespräch, Kino als Werkzeug kollektiver Erinnerung und politischer Handlung. Der Film ist als Langzeitbeobachtung eines lebendigen Netzwerks angelegt.
CINÉ VÉLO CITÉ ist die Rückübersetzung dieser Erfahrungen in den deutschen Stadtraum. Die bei MOVIMENTO entwickelten pädagogischen Ansätze und die in BOALÂNDIA untersuchten Formen des Filmaktivismus werden an lokale urbane und kulturelle Bedingungen angepasst. Mobilität, Niedrigschwelligkeit und kollektive Praxis bleiben dabei zentral.
Konsequent richtet sich der Fokus auf öffentliche Räume und sogenannte DRITTE ORTE. Plätze, Höfe, Straßen und Brachen werden temporär zu Orten des Kinos. Menschen bleiben stehen, setzen sich, schauen gemeinsam. Für einen Moment entsteht eine andere Form von Öffentlichkeit, ohne Konsumzwang und ohne soziale Vorauswahl. CINÉ VÉLO CITÉ nutzt Film, um diese Räume sichtbar zu machen und als Orte gemeinsamer Erfahrung neu zu aktivieren.

Zahlen & Fakten
Zeitraum: 2023–2025
Einsatzgebiet: München (Stadtraum, Nachbarschaften, Schulen, Kulturorte) + Umland
Gastspiele und Einladungen: Leipzig, Brüssel
Veranstaltungen
- 70 + Workshops, Screenings und Präsentationen
- mehrere Festival- und Gastspielformate
Teilnehmende
- über 3.000 Menschen insgesamt
- Workshops typ. 15–30 Teilnehmende
- Screenings oft 40–100+ Zuschauer:innen
Mobilität & Energie
- 2023: ca. 4.000 km in München
- 2024: ca. 5.800 km im Münchner Stadtraum / Umland zurückgelegt
- ~80 % Energie aus Solarstrom
Kooperationen (2023–2025)
- über 10 Kooperationen mit Münchner Schulen
- Kulturelle Partnerschaften mit Lenbachhaus, Pinakothek der Moderne, Dok.Fest München, Fahrender Raum, Kunst & Krempel, Schauburg, JFF, Tusch, Referat für Bildung und Sport
- Vernetzte Formate mit lokalen Bildungs- und Kulturinstitutionen, z. B. Film- und Medienworkshops sowie Lehrerfortbildungen in Zusammenarbeit mit DOK.education für 2025
Themen & Inhalte
- Film- und Medienbildung durch Praxis
- Stopmotion, dokumentarische und hybride Kurzformate
- Stadtgeschichte, öffentlicher Raum, Nachbarschaft
- Demokratie, Grundrechte, Erinnerungskultur
- Klima, Nachhaltigkeit, urbane Transformation
- Kritischer Umgang mit Medien, Bildern und Plattformen










